Selbstverfasste Literatur.

HENNING HUBER

Keine Kurzgeschichte

Die alte Dame von gegenüber fegte den Fußweg vor ihrem Haus schon seit über siebenundzwanzigeinhalb Minuten. Langsam aber sicher begann sie dabei zu verzweifeln, denn da das Nachbargrundstück nicht eindeutig – durch einen Zaun oder etwas Ähnliches – von ihrem eigenen abgetrennt wurde, war sie unschlüssig, wie weit sie nun fegen sollte. Sie setzte sich, ein ungesund klingendes Husten ausstoßend, auf das weiße, etwas angegammelte Plastikstühlchen in ihrem Vorgarten und zündete sich eine Zigarette an. Als ihr einfiel, dass sie eigentlich gar nicht rauchte, war es zu spät, denn die Zigarette war bereits zuende. Nachdem sie einige Minuten darüber nachgegrübelt hatte, wie zum Teufel dann überhaupt die Kippenschachtel in die Tasche ihrer buntgestreiften Weste gekommen war, besann sie sich wieder auf ihr ursprüngliches Problem.

Ächzend erhob sie sich von ihrem Sitzmöbelstück und ging, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu ihrem nagelneuen, chromfarbenen VW Golf. Ohne sich anzuschnallen, fegte sie wie ein wildgewordener Elch aus der Ausfahrt und verließ die Reihenhaussiedlung in Richtung Gewerbegebiet.

Henning war enttäuscht. Zum ersten Mal seit vielen Tagen hatte sich auf der anderen Straßenseite etwas Interessantes getan, und gerade, als er fast aus seiner Lethargie erwacht und vor die Tür gekrochen wäre, um sich mit der alten Frau Schäfer zu unterhalten, war die blöde Schnepfe Hals über Kopf davongedüst. Alles was ihm nun übrigblieb, war, weiter in seinem altmodischen Ohrensessel zu sitzen und aus dem Fenster zu spähen, um ja nicht zu verpassen, wie die rüstige alte Dame zurückkehrte.

An dieser Stelle ist es wohl nötig, ein paar erklärende Worte über Henning Huber zu verlieren: Seit einem tragischen Minigolf-Unfall vor zwei Jahren, bei dem er zuerst den Golfball seiner Schwester Gitta, anschließend den Schläger und zu guter Letzt Gitta selbst gegen die Schläfe bekommen hatte, litt er an partiellem Gedächtnisverlust, was dazu führte, dass er immer mal wieder das Eine oder Andere vergaß – momentan war er beispielsweise nicht in der Lage, sich an die durchaus nicht unwichtige Tatsache zu erinnern, dass er, wie die meisten anderen Menschen auch, zwei Beine besaß. Daher verbrachte er den Großteil seiner Zeit in besagtem Ohrensessel, er verließ ihn fast ausschließlich, um die Toilette zu benutzen, und seltener auch einmal, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Dies bereitete ihm jedoch große Schwierigkeiten, da er sich seiner unteren Gliedmaßen ja nicht bewusst war und deshalb, einem Seelöwen ähnlich, ungeschickt über den Boden robbte.

Nun also, an diesem wunderschönen Dienstag im Mai, saß Henning Huber am Fenster und wartete sehnlichst auf die Rückkehr von Frau Schäfer, die übrigens in Hennings Kindheit öfters auf ihn aufgepasst hatte, wenn seine Eltern sich wieder einmal auf Beerdigungen fremder Menschen schlichen, um dort während der Rede des Pastors so lange Grimassen zu schneiden, bis er völlig aus dem Konzept war. Frau Schäfer war eine angenehme Babysitterin gewesen – sie hatte zwar immer etwas muffig gerochen, aber das war Henning egal gewesen, denn sie hatte ihm dafür öfters schmutzige Witze erzählt und mit ihm – zugegeben sehr schlechte und vorhersehbare – Horrorfilme geschaut.

Diese Frau Schäfer also, sie war das Einzige, was Hennings Tag, dessen einziges weiteres Ereignis gewesen war, dass der Fernseher seinen Geist aufgegeben hatte, jetzt irgendwie bereichern könnte. Seine Mutter war nicht zuhause, sie trieb sich wahrscheinlich wieder auf irgendeiner Kunstausstellung herum. Seinen Vater hatte Henning seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen – nein, es war nicht die übliche Geschichte. Hennings Vater war seiner Frau nicht nachweislich untreu gewesen und er war auch nicht „mal kurz Zigaretten holen“ gegangen – obwohl er das wahrscheinlich durchaus getan hätte, wäre er nicht militanter Nichtraucher gewesen, was seine Lüge etwas unrealistisch hätte klingen lassen.

Seine überzeugte Anti-Raucher-Haltung war so weit gegangen, dass er in Gegenwart eines Rauchers, selbst wenn dieser nicht mal Zigaretten dabeihatte, grundsätzlich nicht ein-, sondern nur ausatmete. Dies war auch der Grund, warum er in diesem Moment nicht anwesend war: Bei einer längeren Taxifahrt hatte er so lange die Luft angehalten, dass er bewusstlos geworden war. Der Taxifahrer, dem das Leben übel mitgespielt hatte, hatte seine Chance gewittert und Hennings Vater ausgeraubt. Hätte er das nicht getan, während er mit 150 Stundenkilometern über die Autobahn geheizt war, wäre er wahrscheinlich auch nicht mit dem Schweinetransporter vor ihm kollidiert, durch die Leitplanke gebrochen und in einer hollywoodreifen Explosion in einen Tanklaster geflogen – soviel zur tragischen Geschichte von Hennings Vater.

Henning saß nun also ganz allein in seinem Sessel und wartete. Er wartete mehrere Stunden und war schon fast eingeschlafen, als ihn das Röhren eines Automotors aufschreckte. Wie elektrisiert fuhr er hoch – so gut, wie ein Mensch, der seine Beine vergessen hat, das eben tun kann – und blickte hoffnungsvoll aus dem Fenster.

Und tatsächlich: Frau Schäfer war zurückgekehrt, und zwar mit voll beladenen Kofferraum. Vergeblich versuchte Henning zu erkennen, was sich hinter der lädierten Kofferraumklappe verbarg, doch da Frau Schäfer sämtliche Fensterscheiben ihres VW hatte verdunkeln lassen – man munkelte, sie würde ab und zu illegale Einwanderer einschleusen – gelang dieses Unterfangen erst, als sie die Klappe öffnete. Offensichtlich hatte sie die Ladekapazitäten ihres Fahrzeugs komplett ausgereizt, denn sofort fiel ihr der Einkauf entgegen, der, wie Henning nun sehen konnte, aus einigen Eisenstangen und sehr viel Maschendraht bestand.

Bevor Henning überhaupt anfangen konnte, zu überlegen, was Frau Schäfer vorhatte, klärte sich diese Frage von selbst: Die Rentnerin begann zwischen ihrem Grundstück und dem ihres Nachbarn – es handelte sich um Jürgen Gurkmann, einen Langzeitarbeitslosen im Ruhestand – einen Zaun zu errichten. Als sie fast vorne angekommen war, machte sie überraschenderweise einen Schlenker nach rechts und setzte das letzte Stück des Zauns diagonal auf ihr Grundstück. Zunächst war Henning ratlos, dann jedoch dämmerte ihm, welchen genialen Einfall Frau Schäfer gehabt hatte: Durch den schrägen Verlauf des Zaunendes war ihr Grundstück kaum kleiner geworden, ihr Bereich des Gehwegs, den sie fegen musste, jedoch schon. Andererseits: Sie hatte sich dadurch zwar etwas Arbeit erspart, der Aufwand, den sie auf sich genommen hatte, indem sie den Zaun kaufte und aufbaute, war jedoch wahrscheinlich deutlich größer gewesen.

Henning Huber schüttelte amüsiert den Kopf. Dann erinnerte er sich an seine Beine, stand auf und ging ins Bad, um sich zum ersten Mal seit drei Wochen die Füße zu waschen. Bevor er damit begann, stellte er sich jedoch vor den Spiegel und blickte sein Spiegelbild an: Er war alt geworden, das sagte auch seine Mutter – die aufgrund ihres jugendlichen Äußeren oftmals für seine Schwester gehalten wurde, im Gegensatz zu seiner richtigen Schwester Gitta. Diese war von Mutter über Großmutter und Großvater bis hin zu Hausschwein und Hutständer schon für alles Mögliche gehalten worden.

Nein, eine schöne Familie waren die Hubers wirklich nicht, und auch Henning machte da keine Ausnahme. Die feldwegfarbenen Haare hingen strähnig am Kopf herunter, die Nase krümmte sich in einer Art und Weise, die normalerweise Essiggurken vorbehalten blieb, und die dunklen Ringe unter Hennings Augen waren nur aus dem Grund schlecht zu erkennen, weil seine Tränensäcke darüber hingen, was sein Gesicht in Kombination mit der Nase ein wenig wie den Oberkörper einer alten Frau mit drei Brüsten aussehen ließ.

Hennings Körper war auch nicht unbedingt dazu prädestiniert, von seinem Gesicht abzulenken und seine Hässlichkeit vielleicht sogar auszugleichen, denn irgendwie hatte er es geschafft, trotz seiner Figur, die etwas an die senkrechten Stützen eines Ikea-Regals erinnerte, und auf die Victoria Beckham definitiv neidisch gewesen wäre, einen enormen Bierbauch zu bekommen, der langsam aber sicher nach hinten um Hennings Körper herumzuwuchern begonnen hatte und ihm so in nicht allzu ferner Zukunft den zweifelhaften Ruhm bescheren würde, der erste Mensch der Welt mit einem Bierrücken zu sein.

Während Henning sein bemitleidenswertes Äußeres missmutig betrachtete, schweiften seine Gedanken ab und ihm wurde mit einem Mal klar, dass das, was er tat, genau das war, was viele literarische Figuren taten, beziehungsweise was der Autor sie tun ließ: Dadurch, dass der Protagonist sich selbst im Spiegel beobachtete, konnten selbst die fantasielosesten Schreiberlinge dem Leser ein Bild von ihren Figuren vermitteln, ohne sich zu überlegen, wie man dies sinnvoll in die Handlung einbetten könnte. So etwas verachtete Henning, es gab für ihn nichts Schlimmeres als Menschen, die unbedingt etwas tun wollten und nicht einsahen, dass sie dafür einfach nicht gemacht waren. Castingshow-Bewerber, die klangen wie eine seekranke Ente mit Sprachfehler waren ihm genauso zuwider wie Pädagogen, die sich offensichtlich auf der falschen Seite des Lehrerpults befanden und überhaupt nichts von dem verstanden, was sie ihren sowieso komplett desinteressierten Schülern erzählten – und eben Autoren, die einfach anfingen zu schreiben und dann keine Ahnung hatten, wie die Geschichte weitergehen könnte.

Als er so darüber nachdachte, wurde Henning Huber immer wütender, und er entschloss sich, etwas zu unternehmen. Und wo könnte man besser anfangen, als bei sich selbst? „Nun gut“, dachte er sich, „ich stelle mir mal vor, ich wäre eine Figur in einer Geschichte, und ich wäre nicht zufrieden damit, wie ich dargestellt werde. Wie würde ich handeln? Würde ich es akzeptieren und einfach all das tun, was der dämliche Autor von mir verlangt? Oder… würde ich mich vielleicht gegen meinen Schöpfer wenden wollen?“

Dieses heftige Nachdenken machte Henning hungrig, und so ging er zum Kühlschrank, um sich etwas Stärkendes zu holen – das Resultat war schockierend: Das Einzige, was sich im Kühlschrank befand, war sein toter Wellensittich Ulf, den er noch nicht beerdigt hatte. Henning war sich bewusst, dass es unter normalen Umständen klüger gewesen wäre, ihn im Tiefkühlfach zu lagern, doch dort bewahrte seine Patentochter Margot – ein grausamer Name, aber da er durchaus zu ihrem Charakter und auch zu ihrem äußeren Erscheinungsbild passte, war das schon irgendwie in Ordnung – ihre Schneeflockensammlung auf, die die drei Schubladen bis oben hin füllte.

Wie auch immer, Henning war hungrig, und wenn sich im Haus nichts Essbares befand, dann musste er sich halt auf sein klappriges Hollandrad schwingen und mithilfe seiner kürzlich wiederentdeckten Gliedmaßen zum nächsten Supermarkt radeln, um dort irgendetwas zu kaufen. Als er sein Haus verließ, fiel ihm etwas Ungewöhnliches auf: Obwohl es Nachmittag war und der Himmel, der Jahreszeit angemessen, völlig wolkenfrei war, lag die Straße, in der er wohnte, im Schatten. Er blickte sich um, und was er sah, ließ ihn vor Schreck erstarren.

Er sah nicht wirklich etwas. Oder vielmehr, er sah etwas, war sich aber nicht sicher, ob es wirklich da war oder ob er sich täuschte. Vielleicht hatte ihm sein Gedächtnis ja wieder einmal ein Schnippchen geschlagen, und er hatte diesmal vergessen, dass es in Wirklichkeit keine berggroßen, jungen Männer gab, die sich über Wohngebiete beugten. Ja, das musste es sein. Henning wandte seinen Blick ab, stieg auf sein Fahrrad und fuhr los. Doch ganz überzeugt war er von seiner Erklärung nicht, und so sah er sich immer wieder um – das Ergebnis war jedes Mal das Gleiche: Die unfassbar große Gestalt war immer noch da, und sie schien ihn sogar anzustarren.

Henning bekam es mit der Angst zu tun. Er war für gewöhnlich ein durch und durch rationaler Mensch, der von Religion und übersinnlichen Phänomenen grundsätzlich nichts hielt – wenn überhaupt, dann Abstand – aber das, was er gerade erlebte, ließ selbst ihn zweifeln. Und als ob es noch nicht schlimm genug gewesen wäre, was er sah, so fühlte er, dass es dieser Gestalt um jemand ganz Bestimmtes ging – um ihn.

Nein, so konnte es nicht weitergehen. Eigentlich hatte Henning ja vorgehabt, zum Supermarkt zu fahren, um sich dort etwas Essbares zu kaufen, aber das musste warten. Stattdessen bog er in eine Seitenstraße ab und fuhr zu seinem Kumpel Gernot Hansen, der offiziell Optiker war, in seinem Keller jedoch hatte er ein beachtliches Arsenal an nicht ganz legalen Waffen. Als er in die Einfahrt des Hinterhofs einbog, schleppte Gernot gerade eine monströse Panzerfaust herum, die er, als er Henning bemerkte, jedoch achtlos an eine Wellblechhütte lehnte und mit ausgebreiteten Armen auf seinen Freund zugerannt kam. „Henning, alter Haudegen! Was macht das Leben? Boah Mensch, wir haben uns jetzt schon wochenlang nicht gesehen, das ist ja ne krasse Sache, aber…“

Henning unterbrach Gernot und erklärte ihm, dass er auf der Stelle die stärkste Schusswaffe brauche, die im Lager vorhanden sei. Das war für Gernot nichts Ungewöhnliches, seine Freunde hatten öfter mal kleinere Problemchen, für die es größere Lösungen brauchte – er stellte niemals Fragen und lieferte immer verlässlich. Und so nahm er Henning mit in den Keller und drückte ihm etwas in die Hand, was wie ein übergroßer Pürierstab aussah und laut Gernot auch durchaus in der Lage war, aus seinem Ziel Püree zu machen. Henning bedankte sich hastig, schwang sich mit der Waffe auf sein Fahrrad und rief Gernot, als er bereits wieder um die Ecke bog, zu, er würde irgendwann später bezahlen. Jetzt hatte er erst einmal Anderes im Sinn.

Wild entschlossen stellte Henning sich mitten auf die Straße, schaute der riesigen Figur ins Gesicht und schrie: „Hasta la Sieben, Baby!“ (Henning hatte Windows Vista ausprobiert und war davon so wenig begeistert gewesen, dass er nun nicht einmal mehr davon sprach. Den Nachfolger Windows 7 mochte er hingegen sehr gern, was auch die leicht veränderte Formulierung seines Schlachtrufs erklären sollte.) Er richtete die Waffe auf sein Ziel und betätigte den Abzug.

Mit einem lauten Knall verließ das Geschoss die Mündung des Quarkmaster 3000 – so der Name des Geräts, wie Henning dem Etikett entnahm – , traf den monströsen jungen Mann, der sich noch immer über die Stadt beugte, zielsicher zwischen die Augen und arksbjklb3qa üo t6534..k. kjzl.hü..####

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Veröffentlicht am 31. August 2010, in Zeugs. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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